Zeitstrahl

12.12.2009 Tod

Willi Frohwein starb am 12.12.2009 im Alter von 86 Jahren in Potsdam.

man muss ans Herz kommen

man muss ans Herz kommen, dann macht der Kopf schon weiter

über das Sprechen als Zeitzeuge
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Quelle: Zeitzeugengespräch im Lehrerseminar Potsdam © Pilarski 2008
Foto Willi-Frohwein-Platz © Susanne Ahner 2021

Traum

Willi Frohwein 2008
Willi Frohwein 2008

Meine Träume sind schlimmer als das Lager selber

Wenn ich rede, träume ich nicht

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Quellen:
1 Zeitzeugengespräch © GHWK/AJZ 2007
2 Film “Gemeinsam gegen das Vergessen” © Newiak/Pilarski 2006
Foto Willi Frohwein © Marcus Pilarski 2008

1966 Aussage im Fischer-Prozess

Horst Fischer war ein deutscher Mediziner und Lagerarzt im Konzentrationslager Auschwitz. Wegen seiner Verbrechen, zur Zeit der NS-Diktatur als Lagerarzt in Auschwitz, wurde er am 11. Juni 1965 vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR in Gewahrsam genommen. Am 10. März 1966 begann das Hauptverfahren, bei dem er alle Anschuldigungen annahm und seine Taten gestand. Er wurde zum Tode verurteilt. Der einzige Zeuge im Zeugenstand war Willi Frohwein. Er wurde durch Zeugenaufrufe in der Zeitung auf den bevorstehenden Prozess aufmerksam und beschloss, das erste Mal zu reden. Der erste Schritt war getan und nach dem Gerichtsprozess entschloss sich Willi Frohwein weiterzuerzählen. Er begann mit den ersten Zeitzeugengesprächen.

ich habe zwanzig Jahre nicht gesprochen

ich habe über zwanzig Jahre nicht gesprochen

nicht eine Minute
erst mit dem Fischer-Prozess bin ich wach geworden
Prozess gegen den Lagerarzt von Auschwitz, Dr. Horst Fischer


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Quellen:
Zeitzeugengespräch im Haus der Wannseekonferenz © GHWK / AJZ 2007
Film Zeitreise nach Osten © Peter-Joseph-Lenné-Schule Potsdam 2007
Interview Archiv der Erinnerung © MMZ/Fortunoff 1995
Foto Willi-Frohwein-Platz © Susanne Ahner

1952 Frühverrentung

Als Polizist der DDR wurde ihm 1952 von seiner Dienststelle verboten, nach Westberlin zu fahren. Da er jedoch seine Familie in Spandau weiterhin besuchen wollte, ging er daraufhin mit 29 Jahren in Rente.

1949 Heirat

Am 13.08.1949 heiratete er seine Frau Waltraud Frieda (geb. Pohle).

1947 Zieht nach Potsdam

Als Willi Frohwein wieder zurück in Spandau war und bei seinen Eltern lebte, wollte er Kriminalpolizist werden, wurde jedoch in Spandau abgelehnt. In Potsdam wurde er dagegen angenommen, da alle Beamte mit Nazivergangenheit entlassen worden waren. Daraufhin zog er nach Potsdam. Nach seiner Ausbildung 1947 als Kriminalkommissar wurde er Leiter der Fahndungsabteilung und daraufhin Kommissariatsleiter. Er war außerdem finanziell abgesichert, da er als Opfer des Faschismus die Höchstrente erhalten sollte.

04.1945 Befreiung

Im Sommer 1944 begann die SS, frontnahe Lager im Osten zu räumen. Viele dieser Evakuierungstransporte und Todesmärsche führten zu dem KZ Bergen-Belsen. Insgesamt wurden 18.000 Gefangene zu diesem Lager gebracht. Einer von diesen Gefangenen war Willi Frohwein. Er wurde am 18.01.1945 von Auschwitz auf Todesmärsche geschickt.

Am 15.04.1945 konnte Willi Frohwein von den Briten befreit werden. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich rund 53.000 Menschen in diesem Lager. Bei der Befreiung des Lagers war der Zustand der meisten Insassen sehr bedenklich. Die meisten Gefangenen waren todkrank oder kurz vor dem Verhungern und viele Leichen lagen offen herum. Die befreiten Überlebenden wurden in der Nähe des Konzentrationslagers Bergen-Belsen in einer Wehrmachtskaserne versorgt. In dieser starben jedoch viele weitere der Befreiten an den Folgen des Konzentrationslagers.

03.1945 Aufenthalt Mittelbau-Dora

Eine weitere Station auf dem Todesmarsch war Mittelbau-Dora, wo Willi Frohwein nach dem Transport auf den offenen Kohlewaggons ankam. Dort wurde ihm die Nummer 116907 zugeordnet. Als Häftling von Mittelbau-Dora musste er Zwangsarbeit in dem Stollen verrichten, indem er den ganzen Tag Raketenteile rechtzeitig zu einem Sektor im Stollen tragen musste, wo diese dann montiert wurden. Nach diesen langen Arbeitstagen kümmerten sich die Häftlinge außerdem um die Leichen der verhungerten Mithäftlinge, die sie zu den Krematorien trugen.

Am 6. April 1945 wurde er auf einem Waggon in das KZ Bergen-Belsen deportiert.

Todesmarsch

Willi Frohwein berichtet vom Todesmarsch

Einer nach dem anderen ist gestorben…
Transkription >>>

Quelle: Zeitzeugengespräch Deutsch-Polnische Jugendbegegnung, © Pilarski 2007

18.01.1945 Todesmärsche

Der erste Todesmarsch, den Willi Frohwein erlebte, startete am 18. Januar 1945 und ging von Auschwitz zu fuß bis nach Loslau. Von Loslau aus wurden die Häftlinge dann auf Kohle-Waggons nach Nordhausen (Harz) transportiert. Von Nordhausen aus mussten sie nach Mittelbau-Dora laufen, dort musste Willi Frohwein in einem Stollen arbeiten.
Der zweite Todesmarsch ging von Mittelbau-Dora nach Bergen-Belsen. Nach fünf Tagen kamen sie im Konzentrationslager Bergen-Belsen an. Bei der Ankunft von Willi Frohwein in Bergen-Belsen war er sehr abgemagert und verspürte kein Hunger- und Durstgefühl mehr. Willi Frohwein beschrieb, dass er sich so fühlte, als ob er schweben würde und gar nicht gemerkt hat, dass er „auf Abgang war“. (Formulierung nach Willi Frohwein)

Glück

Willi Frohwein (zweiter von links) mit seiner Familie unter dem Weihnachtsbaum 1933
Willi Frohwein (2. von links) mit seiner Familie, Weihnachten 1933

Ob ich noch jemand von meiner Familie sehe

Als ins Lager durchsickerte „alle werden umgebracht”

Ich habe so viel Glück gehabt

ich kann es einfach nicht fassen
Transkription >>>

Quellen:
Interview Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1996
Zeitzeugengespräch mit Aktion Sühnezeichen © GHWK 2002
Foto privat

Brot

Erkennungsfoto von Willi Frohwein bei der Ankunft in Auschwitz 1943
Erkennungsfoto von Willi Frohwein bei der Ankunft in Auschwitz 1943 © Auschwitz-Museum

Das Brot war unser Heiligtum

Von Anfang an in einer Strafkompanie
Vernichtung durch Arbeit

Was es mir bedeutet, einem anderen zu helfen

Muselmann
Transkription >>>

Quellen:
Zeitzeugengespräch im Winckelmann-Gymnasium Stendal © Stendaler Fernsehen / Lutz Thiede 2007
Zeitzeugengespräch im Haus der Wannseekonferenz © GHWK / AJZ 2007
Zeitzeugengespräch Deutsch-Polnische Jugendbegegnung © Pilarski 2007
Foto @ Archiv Auschwitz

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man muss ans Herz kommen…
Dann stand ich am Rednerpult, da kommt ein Bild bei mir. Und nach diesen Bildern versuche ich das zu erzählen und versuche zu erreichen, dass bei dem Zuhörer die Worte sich wieder in Bilder verwandeln. Das ist immer das Entscheidende, wenn man spricht, dass das für den anderen das vorstellbar wird. Also der beste Pädagoge kann noch so wissenschaflich erzählen, er wird immer, wenn er rational erzählt, nicht ans Herz kommen. Ich hab mal 15 Minuten in Inforadio gesprochen und hab dann gesagt: ‚Man muss ans Herz kommen, dann macht der Kopf schon weiter.‘
(Zeitzeugengespäch im Lehrerseminar Potsdam, © Joachim Pilarski 2008)

diese Träume sind schlimmer als das Lager selber
Ich wollte nicht erzählen und habe dauernd geträumt. Und wenn man dann sowas erlebt hat und träumt davon, sind diese Träume noch schlimmer als die Wirklichkeit das war. Und dann dieses einfache-, du kannst ja mit keinem darüber sprechen. Ich wollte verdrängen. Man kann nicht verdrängen. Und ich habe also immer wieder geträumt.
(Zeitzeugengespäch mit einer Gruppe des Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau im Haus der Wannseekonferenz, © GHKW 2007)

wenn ich rede träume ich nicht
Ich hatte, bis 1966 habe ich ja überhaupt nicht gesprochen. Da habe ich nur geträumt. Ich habe mit überhaupt keinem gesprochen. Ich wollte vergessen und wegräumen. Ich wollte das einfach nicht, wollte nicht darüber sprechen. Da habe ich sehr viel geträumt. Und seit dem ich so viel mit der Jugend zusammne bin, seit dem ich soviel spreche, sind diese Albträume nicht mehr. Ich muß es nicht mehr alleine verarbeiten. Sondern ich habe immer das Gefühl, wenn ich in solcher Gruppe bin, Ihr nehmt mir was ab, Ihr denkt mit. Und mein Leben hat einen Sinn.
(WF in: Gemeinsam gegen das Vergessen, © Denis Newiak / Joachim Pilarski 2006)

 

Willi F. Holocaust Testimony (HVT-3389). Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam and Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, Yale University Library
September 1995 und März 1996

dann erlebe ich alles wieder
Das ist jetzt, in diesem Jahr, das erste Mal gewesen, dass ich von Auschwitz geträumt habe. das is also. […] und ich erwische mich auch, dass ich also, Wachträume habe, wissen Sie, am Tage dann sitze und dann eine Strecke eben erlebe – ja. Aber das ist mir lieber, als wenn ich nachts…
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995)

 

das ist auf einmal da, egal wo man ist
Wenn ich jetzt bloß daran denke, ein ungarischer Transport kommt, da unsere Pritschen waren ja nicht breiter als hier, also wenn sie so breit waren, wo wir drauf geschlafen haben, aus Holz mit Strohsäcken, angeblichen Strohsäcken, da war Holzwolle drin, und dann kriegte ich zwei ungarische Jungs, waren noch ein paar Jahre jünger als ich. Und da sagt der eine zu mir „sag mal, is es wahr, dass unsere Eltern in die Sonne gegangen sind?“ Gott, dachte ich was meint denn der damit eigentlich, bisschen doof, ich konnte das, ich konnte mit dem Begriff Sonne nichts anfangen, um Gottes Willen da fiel es mir ein, der meint das Krematorium. Gott was soll ich denn da machen, soll ich sagen „ja“. soll ich sagen „nein“? Ach hab ich eben den Fluchtweg gesucht, hab bloß gesagt „ach ihr müsst doch nich alles glauben, was erzählt wird, es wird soviel hier im Lager erzählt das müsst ihr nicht alles glauben“. Ich kann doch den beiden Jungs nicht den Lebensmut nehmen, jetzt ohne Vater ohne Mutter zu sein, auf einen Schlag, die komm heute an und fragen mich morgen „is es wahr, dass die in die Sonne gegangen sind?“. Das sind Sachen die fallen einem ein, die sind au einmal da, egal wo man ist.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995)

 

ich werde diese Bilder nicht los
wenn sie das alles, das kommt alles da. du denkst an gar nichts, versuchst es jedenfalls und auf einmal sind die Einfälle da, ja wie war es denn noch, wie war es denn, ach ja. Und dann denn merkst du erst, was für eine Last du eigentlich vier- fünfzig Jahre schon mit dir herumschleppst. Du hast versucht zu verdrängen, vergessen kann man ja nicht, aber zu verdrängen – schaffst du nicht, kannst nicht mal verdrängen, du kriegst es also nicht fertig, dir fällt ja immer mehr ein, je mehr du erzählst je mehr fällt dir ein.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995)

 

Ich spreche von den Bildern, die ich sehe, sobald ich die Augen schließe

Das tut furchtbar weh. Ein Mensch muss sterben, bloß weil er v... weil sie ihn haben verhungern lassen. Das tut dann weh. Und darum sag ich ja auch immer wenn ich vom Lager erzähle, ist das Erste, und darum ist mir das hier auch neulich nicht eingefallen, das Erste, ich sehe immer meine, die Häftlinge, sehe diese unterernährten Gestalten. Und denke gar nicht daran, dass ich genau so aussehe, wundere mich, dass die noch rumlaufen können und ich laufe genauso herum.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1996)

 

ich habe zwanzig Jahre nicht gesprochen

Ich habe über 20 Jahre nicht gesprochen. Aber meine Vergangenheit hat mich nicht eine Minute losgelassen.
(Zeitzeugengespäch mit einer Gruppe des Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau im Haus der Wannseekonferenz, © GHKW 2007)

Erst als sie den Fischer, den Dr. Horst Fischer gefasst hatten, da bin ich wach geworden. Da war ich in Altenburg mit der DEFA und kriege eine Zeitung vorgelegt, da stand so eine kleine Notiz drin, sechs Zeilen vielleicht, Doktor, der ehemalige KZ Arzt von Auschwitz, Dr. Horst Fischer ist in Frankfurt Oder im Bezirk Frankfurt Oder festgenommen worden.
Ihr glaubt gar nicht, in wieviel Sekunden die Bilder an mir vorbei gezogen sind. Vor allen Dingen die Bilder, wenn ich auf den, auf die Transporte gestiegen bin, wo diese hoffnungslosen Gestalten schon oben waren. Es ist alles an mir vorbei gezogen. In kurzer Zeit. Ich hab alles stehen und liegen lassen, bin in Altenburg zum Staatsanwalt gegangen und hab mich da als Zeuge gemeldet.
(Zeitzeugengespäch mit einer Gruppe des Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau im Haus der Wannseekonferenz, © GHKW 2007)

Hier hat einer geschrieben „Dirigent des Todes“ […] über den KZ-Arzt Doktor Fischer [hält einen Zeitungsausschnitt in die Kamera]. Das war der Mann, der an der Rampe stand, und durch Fingerbewegung entschieden hat, wer leben darf, oder wer sich tot arbeiten darf. Hier is mein, ich war doch als Zeuge gegen Doktor Fischer vorm obersten Gericht der DDR, da sind, da sind, ist ein, Bericht von dem Tag, da hatte ich nach der Vernehmung einen Nervenzusammenbruch. Das Einzige was er zugegeben hat, ist dass er es aus Überzeugung getan hat, er hatte, bis ich ausgesagt hatte, abgestritten auf Block neun selektiert zu haben. Nachdem ich aber ganz konkrete Daten genannt hatte, staune dass ich nach zwanzig Jahren, noch genau wusste, wann Fischer da war, denn Fischer hat nur Urlaubsvertretung gemacht, ja, da hat er dann auch den Block neun zugegben, man hat ihm nachgewiesen 70 000 Menschen, in den Tod geschickt zu haben. Ja. Und mit dem Fischer-Prozess fing ich an zu reden.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995)

 

ich wollte ein ganz normaler Mensch sein

Wie ich das verarbeitet habe? Also ich hab versucht, es gar nicht zu verarbeiten, sondern ich habe mich geübt in Schweigen 20 Jahre lang und wollte vergessen, verdrängen. Das ist hart gewesen, war sehr hart.
Ich habe mit keinem, zuhause haben wir sowieso nicht drüber gesprochen mit meinen Eltern, die hatten die Nazizeit hinter sich. Wir hatten sie, wir werden sie nicht immer wieder zurückholen. Haben wir gar nie darüber gesprochen. War kein Thema. Meine Mutter hat nicht gefragt, die hat sich gefreut, dass ich da war und als ich dann geheiratet habe, habe ich meiner Frau wohl oder übel erzählen müssen, dass ich im Konzentrationslager war. Das war es aber auch, wegen der Nummer schon. Ja, das war es schon. Meine Kinder haben sich nicht getraut, mich zu fragen, weil sie gedacht haben, die überschreiten da eine Hemmschwelle. Haben mich nicht gefragt. Ich habe über 20 Jahre nicht gesprochen.
(WF in: Zeitreise nach Osten, © Peter-Joseph-Lenné-Schule Potsdam 2007)

 

Willi Frohwein berichtet vom Todesmarsch

Wir sind dann auf offenen Kohlenwaggons transportiert worden. Da hast du dann gesehen, da ist einer nach dem anderen dann auf den Waggons gestorben. Wir haben einfach da aus der einen Ecke einen rausgeschmissen, während der Fahrt aus dem Zug geschmissen, auf der anderen Ecke. Und neben mir saß einer, da wir ja nicht sprechen durften, wir durften nicht aufstehen, haben wir ausgemacht, mit Augenkontakt uns angucken, mit einem Mal gucke ich ihn an, kommt nichts wieder. Hab ich gedacht, Kann doch nicht sein. Der kann doch nicht einfach gehen, ohne wenigstens, ausgehaucht zu haben. Der war einfach weg. Der ist einfach gestorben. Dann fängst du an zu überlegen - werde ich auch so? Oder wie werde ich aus dem Waggon kommen?
(Zeitzeugengespräch Deutsch-Polnische Jugendbegegnung, © Pilarski 2007)

Ob ich noch jemand von meiner Familie sehe
Als dann das durchsickerte, dass alle Juden und jüdisch versippten ausgerottet werden, hab ich… ja das hat sich ja dann umgewandelt bei mir in Warten, ob ich eventuell noch einen von meiner Familie sehe, das war dann also schon, das schlug dann um, ja, als diese, 42er Geschichte [gemeint ist die Wannseekonferenz] bis ins Lager durchsickerte und dort erzählt wurde „alle werden umgebracht“. Ja aber diese Größenordnung von elf Millionen – sie haben ja nun über fünfzig Prozent geschafft – ja das habe ich mir nicht träumen lassen.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1996)

Ich habe so viel Glück gehabt
Und dann nachher nach 1945, mein Bruder ist gefallen, habe ich es dann erfahren, warum ich noch lebe. Ich meine, ich hätte noch dreimal sterben können, Grund genug hätte ich gehabt, also die Todesmärsche, dieser Hunger und Durst – aber ich habe es geschafft. Ich sage immer so viel: Kinder, wenn ich halb so viel Verstand hätte, wie ich Glück gehabt habe, dann wäre ich Einstein. Ja? Also ist wirklich so, dass ich so viel Glück, ich kann es nicht fassen. Ich kann es einfach nicht fassen, wie oft ich dem Tod schon von der Schippe gesprungen bin.
(Zeitzeugengespräch mit Aktion Sühnezeichen © GHWK 2002)

 

Das Brot war unser Heiligtum

Ich bin von Anfang an in ein Strafkommando gekommen. Ich war noch gar nicht richtig im Lager, da war ich schon im Strafkommando. Habe also im Strafkommando gearbeitet, und das hieß bei mir zwölf Stunden am Tag im Dauerlauf Zement schleppen. Der Sack Zement wog 50 Kilo und ich hab 40 Kilo gewogen. Da könnt Ihr Euch ja vorstellen – und dann nichts zu essen. So kleine Stücke Brot, 200 Gramm oder so, wa? Und dann dazu ein Liter Suppe, die nicht definierbar ist, die haben zwar gesagt, es ist Trockengemüse. Aber das da dran Gemüse war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich das Gefühl hatte, ich fresse den Wald auf, trockene Blätter, die waren un- gar nicht zu verdauen, da hat sich was abgespielt. Sie waren gar nicht zu verdauen, aber wenn du Hunger hast, isst du eben.
(Zeitzeugengespräch im Winckelmann-Gymnasium Stendal © Stendaler Fernsehen/Lutz Thiede 2007)

So und dann die Apelle und recht wenig Schlaf. Ziel war ja jetzt hier, durch Arbeit die Leute umzubringen. Die Arbeit hat sie nicht umgebracht, sondern dass sie nichts zu essen gekriegt haben. Dass man sie getrieben hat zur Leistung, zu der also selbst bei normaler Ernährung keiner in der Lage ist.
(Zeitzeugengespäch mit einer Gruppe des Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau im Haus der Wannseekonferenz, © GHKW 2007)

 

Was es mir bedeutet, einem Anderen zu helfen

Also wir waren ja alle ein Alter, die sahen, manche sahen aus wie ihre eigenen Großväter, die haben nicht mehr die Kraft gehabt, das Gesicht zu verziehen. Da habe ich mir einen ausgesucht, das Bild werd ich nie los, einem von diesen Muselmännern, dem habe ich meine Lagerration gegeben, und da aus den Augen kamen Blitze. Da war die Freude. Ja kein, der hat das Gesicht nicht verzogen. Aber wie er mich angeguckt hat und die Augen strahlten. War ich so glücklich und hab mich so gefreut. Und da hab ich dann immer wenn ich was hatte, immer diesen Muselmännern was gegeben. Ich wusste, ich kann keinen mit dem Stück Brot retten. Aber ich wusste, ich werde der Letzte sein, der ihm eine Freude machen kann.
(Zeitzeugengespräch Deutsch-Polnische Jugendbegegnung im Haus der Wannseekonferenz, © Pilarski 2007)