das ist auf einmal da, egal wo man ist

zwei ungarische Jungs…
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Quellen: Interview Archiv der Erinnerung © MMZ/Fortunoff 1995
Foto Willi-Frohwein-Platz © Susanne Ahner 2021

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Willi F. Holocaust Testimony (HVT-3389). Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam and Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, Yale University Library
September 1995 und März 1996

das ist auf einmal da, egal wo man ist
Wenn ich jetzt bloß daran denke, ein ungarischer Transport kommt, da unsere Pritschen waren ja nicht breiter als hier, also wenn sie so breit waren, wo wir drauf geschlafen haben, aus Holz mit Strohsäcken, angeblichen Strohsäcken, da war Holzwolle drin, und dann kriegte ich zwei ungarische Jungs, waren noch ein paar Jahre jünger als ich. Und da sagt der eine zu mir „sag mal, is es wahr, dass unsere Eltern in die Sonne gegangen sind?“ Gott, dachte ich was meint denn der damit eigentlich, bisschen doof, ich konnte das, ich konnte mit dem Begriff Sonne nichts anfangen, um Gottes Willen da fiel es mir ein, der meint das Krematorium. Gott was soll ich denn da machen, soll ich sagen „ja“. soll ich sagen „nein“? Ach hab ich eben den Fluchtweg gesucht, hab bloß gesagt „ach ihr müsst doch nich alles glauben, was erzählt wird, es wird soviel hier im Lager erzählt das müsst ihr nicht alles glauben“. Ich kann doch den beiden Jungs nicht den Lebensmut nehmen, jetzt ohne Vater ohne Mutter zu sein, auf einen Schlag, die komm heute an und fragen mich morgen „is es wahr, dass die in die Sonne gegangen sind?“. Das sind Sachen die fallen einem ein, die sind au einmal da, egal wo man ist.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995)