ich habe über zwanzig Jahre nicht gesprochen

nicht eine Minute
erst mit dem Fischer-Prozess bin ich wach geworden
Prozess gegen den Lagerarzt von Auschwitz, Dr. Horst Fischer


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Quellen:
Zeitzeugengespräch im Haus der Wannseekonferenz © GHWK / AJZ 2007
Film Zeitreise nach Osten © Peter-Joseph-Lenné-Schule Potsdam 2007
Interview Archiv der Erinnerung © MMZ/Fortunoff 1995
Foto Willi-Frohwein-Platz © Susanne Ahner

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Willi F. Holocaust Testimony (HVT-3389). Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam and Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, Yale University Library
September 1995 und März 1996

ich habe zwanzig Jahre nicht gesprochen

Ich habe über 20 Jahre nicht gesprochen. Aber meine Vergangenheit hat mich nicht eine Minute losgelassen.
(Zeitzeugengespäch mit einer Gruppe des Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau im Haus der Wannseekonferenz, © GHKW 2007)

Erst als sie den Fischer, den Dr. Horst Fischer gefasst hatten, da bin ich wach geworden. Da war ich in Altenburg mit der DEFA und kriege eine Zeitung vorgelegt, da stand so eine kleine Notiz drin, sechs Zeilen vielleicht, Doktor, der ehemalige KZ Arzt von Auschwitz, Dr. Horst Fischer ist in Frankfurt Oder im Bezirk Frankfurt Oder festgenommen worden.
Ihr glaubt gar nicht, in wieviel Sekunden die Bilder an mir vorbei gezogen sind. Vor allen Dingen die Bilder, wenn ich auf den, auf die Transporte gestiegen bin, wo diese hoffnungslosen Gestalten schon oben waren. Es ist alles an mir vorbei gezogen. In kurzer Zeit. Ich hab alles stehen und liegen lassen, bin in Altenburg zum Staatsanwalt gegangen und hab mich da als Zeuge gemeldet.
(Zeitzeugengespäch mit einer Gruppe des Alternativen Jugendzentrum e.V. Dessau im Haus der Wannseekonferenz, © GHKW 2007)

Hier hat einer geschrieben „Dirigent des Todes“ […] über den KZ-Arzt Doktor Fischer [hält einen Zeitungsausschnitt in die Kamera]. Das war der Mann, der an der Rampe stand, und durch Fingerbewegung entschieden hat, wer leben darf, oder wer sich tot arbeiten darf. Hier is mein, ich war doch als Zeuge gegen Doktor Fischer vorm obersten Gericht der DDR, da sind, da sind, ist ein, Bericht von dem Tag, da hatte ich nach der Vernehmung einen Nervenzusammenbruch. Das Einzige was er zugegeben hat, ist dass er es aus Überzeugung getan hat, er hatte, bis ich ausgesagt hatte, abgestritten auf Block neun selektiert zu haben. Nachdem ich aber ganz konkrete Daten genannt hatte, staune dass ich nach zwanzig Jahren, noch genau wusste, wann Fischer da war, denn Fischer hat nur Urlaubsvertretung gemacht, ja, da hat er dann auch den Block neun zugegben, man hat ihm nachgewiesen 70 000 Menschen, in den Tod geschickt zu haben. Ja. Und mit dem Fischer-Prozess fing ich an zu reden.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995)