Willi Frohwein zeigt seine Häftlingsnummer aus Auschwitz
Willi Frohwein zeigt seine Häftlingsnummer aus Auschwitz

Ich wusste nicht was Auschwitz ist

das hatte ich noch nie gehört.

Da habe ich erfahren, warum ich noch lebe

warum bin ich auf einmal kein Jude mehr?
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Quellen:
Film Zeitreise nach Osten © Peter-Joseph-Lenné-Schule Potsdam 2007
Interview Archiv der Erinnerung, © MMZ/Fortunoff 1995
Foto: Still aus Zeitzeugengespräch im Lehrerseminar Potsdam @ Joachim Pilarski 2008

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Ich wusste nicht, was Auschwitz ist

Ihr Juden braucht euch gar nicht einbilden, dass ihr in Auschwitz älter werdet als 14 Tage. Was heißt Auschwitz, was ist denn Auschwitz? Habe ich ja noch nie gehört. Wir musten alles was wir hatten abgeben in der Effektenkammer. Das heißt, da kriegte jeder so einen kleinen Sack und durfte am Ende wenn er ausgezogen war überhaupt nichts haben, außer die Brillenträger die Brillen. Und dann wurden wir gebadet, desinfiziert dann eingekleidet. Nach der Einkleidung kam dann das nur in Auschwitz übliche, die Tätowierung. Das wurde dann mein Name. [zeigt Nummer auf Arm] Könnt Ihr das sehen? Jetzt hieß ich nicht mehr Frohwein, sondern ich hab meine Identität verloren und hieß jetzt 122 785.
(WF in: Zeitreise nach Osten, © Peter-Joseph-Lenné-Schule Potsdam 2007)

 

Da habe ich erfahren, warum ich noch lebe

Warum bin ich auf einmal kein Jude mehr gewesen? Folgendes: Meine Mutter war wieder mal bei der Gestapo, das war noch bevor sie den Illegalen [Brief], gekriegt hat und die konnten ihr nichts sagen, aber auf den illegalen Brief konnte sie auch nicht antworten, sie wusste ja nicht, dass ich in Auschwitz bin, sie hatte keine Häftlingsnummer, nichts, also konnte sie nicht. Dann ist sie mal wieder zur Gestapo gegangen und hat denen gesagt „vielleicht is mein Junge schon gar nicht mehr, lebt der schon gar nich mehr oder ist schwer krank“ und da hat dieser Gestapomensch, meine Mutter hats nicht mitgekriegt, entweder versehentlich, oder absichtlich sich versprochen, und ihr gesagt „wenn da wat wäre hätten sie von Auschwitz schon Bescheid“.
Und daraufhin hat meine Mutter einen Brief an den Kommandanten von Auschwitz geschrieben, die wusste garnicht, ob der so heißt, sie hat einfach an den Kommandanten von Auschwitz geschrieben und geschildert, dass sie doch mit dem Sohn, der im Felde ist, mein Bruder war ja noch Soldat, schon soviel Sorgen hat und gerne wüsste ob ich noch lebe und das war mein Lebensretter, zu dem Zeitpunkt als sie mich da ausgesucht haben, ist nämlich der Brief meiner Mutter dort angekommen und lag beim Sicherheitsdienst, nun waren die wahrscheinlich so unsicher, dass sie mich immer wieder von diesen Totentransport, Vergasungstransport runter genommen haben – und nun war mir auf einmal klar, warum ich nicht mit keine bessere Arbeit gekriegt habe und und nicht sterben durfte.
(Interview im Archiv der Erinnerung, © MMZ / Fortunoff 1995)

Willi F. Holocaust Testimony (HVT-3389). Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien Potsdam and Fortunoff Video Archive for Holocaust Testimonies, Yale University Library
September 1995 und März 1996