Beobachtungen von Willi Frohwein 1932/33

1932: Sturmlokale – Kommunisten und Nazis treffen aufeinander
30. Januar 1933: Nationalsozialisten marschieren auf den Straßen
1. April 1933: Boykott jüdischer Geschäfte
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Quellen:
1 + 2 Zeitzeugengespräch im Winckelmann-Gymnasium Stendal 2007 © Stendaler Fernsehen/Lutz Thiede 2007
3 Zeitzeugengespräch im Lehrerseminar Potsdam © Pilarski 2008

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Beobachtungen von Willi Frohwein 1932/1933

Ja das ist eine ganze Weile gut gegangenn und dann kann ich mich erinnern, als ich so neun Jahre alt war, das war so '32, dass die Nazis dann stärker in Erscheinung traten.
Nun wurden wir zuhause so erzogen, dass wir uns nicht prügeln, das war also, meine Mutter, ihre größte Sorge, dass wir uns prügeln. Aber vor uns, hundert Meter entfernt, war das Sturmlokal der SA und auch ungefähr hundert Meter weiter war dasSturmlokal der Kommunisten und so in der Nähe unseres Hauses, haben die sich dann getroffen, um sich zu prügeln. Haben wir Kinder immer gesagt, siehste, die Ollen prügeln sich, aber wir dürfen nicht. Die Ollen waren also Anfang zwanzig, wa. Aber waren ja für uns Olle.
(Zeitzeugengespräch im Winckelmann-Gymnasium Stendal © Stendaler Fernsehen/Lutz Thiede 2007)

Na ja, und dann kam der große Tag, der stolze Tag, als Hindenburg den Hitler zum Reichskanzler berief und damit das Dritte Reich geboren wurde, Da sind die Nazis dann durch die Straßen marschiert. Mit ganz groß, jetzt haben sie keine Angst mehr, mit Musik und mit ihren Fahnen und dann die SA-Leute. Ich habe manchmal einen Schreck bekommen, wenn ich dann bei den SA-Leuten so ganz dolle Kommunisten gesehen habe, aber auf einmal ganz verfärbt. Da habe ich so ein bisschen gedacht. das muss ja wohl auch nicht sein. Entweder er ist kein Kommunist oder kein Nazi.
Ja jedenfalls sind die da vorbei marschiert, heute ist es ja auch noch so, wenn so was ist, die Straßen sind ja immer voll, die Straßenränder, die Leute sind neugierig, und ich habe da auch gestanden, und da sind die dann vorbei marschiert. Und alle, die am Straßenrand standen, und nicht so gemacht haben, die Fahnen des Führers gegrüßt haben, die haben Dresche gekriegt. Da sind die SA-Leute aus der Kolonne raus gestürmt und haben die verprügelt mit Knüppeln. Erst mal ich mich über die Leute geärgert, die da auf Prügel gewartet haben.
Na ja. Der erste Eindruck zählt ja immer. Da habe ich meine Meinung gemacht von den Nazis. Na ja, es war nicht so schlimm. das Leben ist weiter gegangen, das hab ich mir eingebildet.
Und ich fühlte mich auch garnicht angesprochen, wenn die Nazis all ihre Feinde aufgezählt haben.
(Zeitzeugengespräch im Winckelmann-Gymnasium Stendal © Stendaler Fernsehen/Lutz Thiede 2007)

Am Ersten April 33 war der erste Boykott der Juden-Geschäfte in Berlin. Da standen vor den jüdischen Geschäften SA-Leute mit Plakaten. Da stand drauf, ich war ja noch ein Kind, 33, vielleicht bin ich es heute noch, aber damals war ich es bestimmt. Da stand drauf „Deutsche, wehrt euch und kauft nicht beim Juden“ – dass die Nazis gegen die Juden waren, das habe ich gewusst, aber warum sich die Deutschen wehren sollen, das hab ich nicht begriffen, das begreife ich heute noch nicht.
(Zeitzeugengespäch im Lehrerseminar Potsdam, © Joachim Pilarski 2008)